chaiselongue - was'n das?

if i can't dance, I don't want to be in your revolution
Der folgende Text soll zweierlei bewirken: Für diejenigen, die es nicht wissen, soll einerseits beschrieben werden, weshalb sich auf dem Gelände der Reil78 überhaupt ein Club befindet. Andererseits ist es offenkundig notwendig, ein paar Worte zum Selbstverständnis der Chaiselongue zu verlieren.

Mit dem Durchbruch des Techno in Deutschland ab dem Beginn der 90er Jahre ging eine immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung, Professionalisierung und Eventisierung einher. Die in ausrangierten Fabrikhallen, auf stillgelegten Flugplätzen oder auf Kreuzfahrtschiffen stattfindenden Events wurden immer öfter von mehreren tausend Leuten besucht und hatten einen dementsprechend großen Mitarbeiterstab. Während sich die Veranstalter in postmoderne Erlebnisprofis verwandelten, spannte sich die Rezipientenseite zunehmend von eventorientiertem, aber weitgehend szenefremden Publikum hin zu bloßen Schaulustigen, wie z. B. auf der Loveparade. Besonders letztere gilt dabei als Symbol für den kommerziellen Ausverkauf von Techno: Die anfangs als politische Demonstration angemeldete Großveranstaltung zog zu ihrem Höhepunkt ca. 1,5 Millionen Menschen an, verkaufte Übertragungsrechte an private Fernsehsender, gewann die Fitnesstudiokette McFit als Sponsor und trieb die Lizensgebühren, die für die loveparade-typischen Wagen zu zahlen waren, derart in die Höhe, dass viele frühere Weggefährten nicht mehr dabei sein konnten. Erst kam der Deppentechno, dann kamen die Technodeppen! Als Gegenbild zu solch ekeligen Massenveranstaltungen lässt sich ein Teil der Clubkultur und der sogenannte Techno-Underground verstehen, die gerade durch den kommerziellen Ausverkauf von Techno auf Massenraves neue Impulse erhielten.
Auch in Halle: Unter dem Namen Chilllabeats bildete sich ein Party-Kollektiv, das im gesamten Stadtraum, in leerstehenden Wohnungen, Dachböden und Fabriken Elektroparties organisierte und damit eine vormals nicht vorhandene, subkulturelle Veranstaltungskultur etablierte. Die gesamten Einnahmen wurden umgehend, in Form von Dekomaterial, Audio- und Lichttechnik sowie Druckkosten für Flyer und Plakate, in die darauf folgenden Veranstaltung gesteckt. Das Ergebnis waren zumeist opulent und detailverliebt ausgestattete und zum Ende ausnehmend gut besuchte Parties, die es in dieser Form bisher in Halle nicht gegeben hatte. Das bis dahin auf den seltenen, kommerziell ausgerichteten Technoveranstaltungen verfolgte Nicht-Konzept von „Strobo, Nebel, DJ – fertig“ wurde aufgebrochen bzw. ersetzt durch eine verspielte Inszenierung des Veranstaltungsraums durch Dekoration und Lichtsetzung. Die Veranstalter legten meist selbst auf, und Getränke- und Eintrittspreise waren am unteren Ende kalkuliert. Dass der betriebene Aufwand mit einem gewinnorientierten Betrieb offenkundig nicht zu vereinbaren war, aber auch dass bewusste Verharren in der Illegalität sorgten für einen hohen Bekanntheitsgrad in der links-alternativen Szene, die zu dieser Zeit allerdings mit elektronischer Tanzmusik noch nicht allzu viel anzufangen wusste – gefeiert wurde trotzdem.
Jedoch hatten Illegalitüt und temporärer Charakter ihre Schattenseiten: Trotzdem der Gruppe zeitweise ca. 40 Leute angehörten, mussten für den Aufbau meist mehrere Tage einkalkuliert werden. Es fehlte an Lagerungsmöglichkeiten für Dekomaterialien, und aufgrund des steigendem Bekanntheitsgrads interessierte sich auch zunehmend die Polizei für die Veranstaltungen und war immer früher zur Stelle. Letzteres führte schließlich zu einer finanziell ruinösen Absage einer Veranstaltung und zu dem Wunsch, einen festen Club aufzubauen. Nachdem ein paar der Chilllabeatzer auch die Besetzerparty der Reil78 mitgeschmissen hatten, kam schnell das Angebot, sich zu diesem Zweck ein halb verfallenes Nebengebäude auf dem Gelände herzurichten – die Chaiselongue entstand.
Ziel ist es von Anfang an einen Raum mit sympathischer Atmosphäre für nette Menschen zu schaffen, an dem am Wochenende dem sonst miesen Alltag der Stinkefinger gezeigt werden kann. Gepflegtes Ausrasten im Sinne der eingangs zitierten Anarchistin Emma Goldman soll zum Programm werden. Der Bogen spannte sich dabei von elektronischer Tanzmusik, Punk- und Garagekonzerten, über Zaubervorstellungen bis hin zu zugegebenermaßen nicht ganz eskalationsfreien Kinderdiscos (sorry für die Wippe!). Dabei ist es immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass trotz aller politischen Offenheit Rassismus, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus und die entsprechenden Vollhonks keinen Platz in der Chaise haben sollten. Anders ist entspanntes Feiern auch gar nicht möglich. Dieses Selbstverständnis führt dazu, dass sich der Club in den folgenden Jahren für einen beträchtlichen Teil der links-alternativen Szene, die mit elektronischer Tanzmusik etwas anfangen können, zu einer festen Adresse entwickelt hat. Bei mehreren hundert Gästen lässt es sich dennoch nicht immer vermeiden, dass sich auch vereinzelte Dumpfbacken in den Laden verirren. Diesem Problem steht die Chaise keineswegs passiv gegenüber: Nicht nur, dass Leute des Geländes verwiesen werden, auch wird sich um eine entsprechende Einlassstrategie bemüht bzw. wird nicht mehr allzu offensiv für Veranstaltungen geworben, um das Easy-Schorrepublikum weitgehend draußen zu halten.
Doch nicht nur darin äußert sich ein politische Selbstverständnis, sondern auch in gemeinsamen, öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen mit dem Vorderhaus, wie etwa dem zusammen mit dem Vorderhaus ausgerichtetem Jahresfest, Antifa-Soli-Parties in der Chaise oder die Beteiligung an politischen Aktionen außerhalb des Clubs. Unter anderem stellte die Chaise in der Vergangenheit bereitwillig Technik für Demos und Umzüge zur Verfügung oder beteiligte sich (nicht nur) musikalisch an Kundgebungen gegen Naziaufmärsche.
Nicht zuletzt darin liegt der Grund, weshalb die Chaise eben nicht zu einem Auffangbecken für jeden Technodeppen mit fragwürdiger politischer Einstellung geworden ist, wie es etwa in der Palette oder dem Flowerpower der Fall ist. Für jeden, der sich einmal in diese schweißtriefenden Testosteronhöllen gewagt hat, sollte der Unterschied klar sein. Und die Chaise ist für all jene, die darauf eben keinen Bock haben, nach wie vor eine der besten Alternativen. Für den ein oder anderen vernünftigen Menschen ist es in Halle sogar die einzige Ausweichmöglichkeit. Vor allem dann, wenn er sich nicht nur als passiver Konsument berieseln lassen möchte: Grundsätzlich verstand und versteht sich die Chaise als ein Ort, der offen für Vorschläge ist. Jeder, der eine gute Idee für Veranstaltungen oder auch nur Teile des Bookings hat, ist willkommen und kann mitmischen.

Letztlich sollte klar sein, dass sich ein Selbstverständnis nicht immer eins zu eins in der Realität spiegelt. Trotzdem konnten hier hoffentlich einige Grundsätzlichkeiten zum Ausdruck gebracht werden. Grundsätzlichkeiten, die Club und Vorderhaus durchaus gemeinsam haben. Feiern und Tanzen kann nicht den Deppen überlassen werden. Die Möglichkeit, sich in der Chaise für wenigstens eine Nacht der Verwertungslogik zu entziehen, muss erhalten bleiben.